Kein Tag in der Wildvogelhilfe ist wie der andere. Als Mitarbeiter der Station sehen wir viel Freud und gleichzeitig viel Leid. Einige Impressionen wollen wir Ihnen hier aus unserem Alltag vorstellen.

 

Von der Schwierigkeit, kleine hungrige Singvögelchen zu füttern:

"Es ist Fütterzeit, die Kleinen zappeln schon seit geraumer Zeit hinter der Brutkastenscheibe herum. Endlich! Endlich erhebe ich mich und öffne vorsichtig eine Türhälfte. Schon purzeln mir drei muntere Kleine entgegen, fallen in den Futtertopf, springen mir auf die Hand oder fliegen schon mal eine kleine Runde. Die ersten ganz vorne werden gefüttert, dann wende ich mich dem Körbchen zu, wo es sich einige Rotschwänze und Grasmücken gemütlich gemacht haben. Im Moment ist es noch übersichtlich; ich versuche beim Füttern die 7 quirligen Vögelchen im Korb nicht aus den Augen zu verlieren, damit jedes seine Portion bekommt. Kaum angefangen, sitzen auf einmal 5 weitere im Korb. Es wird gedrängelt und geschubst. Ich bemühe mich weiterhin um eine geregelte Fütterung. Schwupp- da huscht ein Spatz dazwischen, begeht Mundraub und verschwindet wieder. Ich nehme ein weiteres Heimchen auf die Pinzette - gar nicht so einfach, weil auf einmal eine Mönchsgrasmücke an der Pinzette herumturnt. Der Versuch, ein Rotschwänzchen zu füttern wird von einem der Spatzen sabotiert: so schnell kann ich gar nicht gucken, verschwindet das Heimchen im gierigen Spatzenschlund. Weitere Fütterungesversuche sind ein Kampf mit den Spätzchen. Ein Heimchen für die Grasmücke und 5 weitere für die Spatzen, die immer wieder dazwischenrennen und klauen. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass endlich alle satt sind, sogar die Spatzen sitzen mit geschlossenen Augen und dickem Kropf da und verdauen. Jetzt muss ich nur noch die munteren Kohlmeisen einfangen, die irgendwo zwischen Akten, Bestimmungsbüchern und Krimskrams fröhlich umherturnen. Wenn ich sie habe, schreien sie empört auf und zwicken mich in den Finger. Trotz ihrer Wut ist der Hunger so groß, dass sie schnell eine Portion verschlucken, die ich ihnen vorhalte. Dann gehts ab mit ihnen in die Kiste. Jetzt habe ich für eine Stunde Ruhe, bevor das ganze Theater wieder von vorn losgeht."

 Ein junger Baumläufer bettelt nach Futter
 Lerchenkinder in einem Nest
 Elstern Nestlinge
 Ein Spatzenhaufen im Brutkasten

 

Von kleinen Kämpfern und unschuldigen Verlierern:

"Ich dachte, die lebt nicht mehr, als ich sie das erste Mal sah. Es war ein Brieftauben-Mädchen, das von einem Greifvogel im Nacken schwer verletzt wurde. Die Äuglein waren geschlossen. Ihre Schmerzen müssen wahnsinnig gewesen sein. Ich überlegte, ob sie wohl unfreiwillige Teilnehmerin einer jener Wettkämpfe geworden ist, bei denen Tauben nach Südeuropa gekarrt werden und in Rekordzeit zurück in den heimischen Schlag finden sollen. Manche schaffen es nie zurück, aber das ist einkalkuliert. Wie wenig so ein Taubenleben in den Augen der Menschen wert ist, denke ich traurig. Wir geben ihr Schmerzmittel und versorgen die Wunden. Ich glaube nicht daran, dass sie den nächsten Morgen erlebt. Aber sie tut es und ich taufe sie auf den Namen "Hope" (Hoffnung). Sie kämpft sich mit der Zeit ins Leben zurück, darf in die Voliere und findet dort ihren Partner Pio. Beide sind mittlerweile vermittelt.

So wie in dieser Anekdote läuft es jedoch längst nicht immer. Jedem Einzelnen geben wir alle Chancen der Welt zur Genesung, doch einem Drittel der Tiere gelingt dies leider nicht. Viel zu oft sind die Verletzungen so schwer und die Qualen so groß, dass nur noch eine Euthanasie dem Tier helfen kann. Manche von ihnen waren noch so klein, dass sie das Fliegen nie lernen durften."

 

 

 

 

Ein Kormoran mit Angelschnur um und im Schnabel. Besonders Wasservögel geraten in Not durch Angelutensilien. Neben der erschwerten Futteraufnahme, entstehen u. a. auch ernsthafte Wunden und Infektionen. Angeschossener Star. Immer wieder bekommen
wir angeschossene Wildvögel, darunter auch Tiere der Roten Liste.
 

Ein Eisvogel mit Kopfschmerzen. Fensterschlag ist ein gravierendes
Problem für Wildvögel. Die reflektierenden Glasscheiben werden nicht erkannt und
führen oftmals zu tödlichen Kollisionen.

 Eine verkrüppelte Nilgans. Als Jungtier wurde die Gans mit einem Modellboot über den Haufen gefahren und dabei fürs Leben geschädigt.
 Diese Kanadagans wurde schwer durch einen Hund verletzt und vom Herrchen leidend zurückgelassen.

 

Die schönste Seite unserer Arbeit: Die Auswilderung

"Plötzlich bleibt die Volierentür offen, der Deckel der Transportbox hebt sich, die Hand um den Vogelkörper lässt los. Es ist ein besonderer Moment für Pfleger und Vogel. Manchmal braucht es keine Sekunde, bis der Groschen fällt und das kleine Geschöpf seine ersten Flügelschläge in Freiheit genießt. Andere werfen uns einen verwirrten Blick zu und bleiben sicherheitshalber erstmal in der Nähe. Eins nach dem anderen. Ein letzter Blick zurück, dann siegt doch die Neugier. Die Mauersegler schrauben sich in die Höhe, der Specht verschwindet meckernd im angrenzenden Wald, die Gänse nehmen ein erstes ausgelassenes Bad in der Sieg, der Graureiher stolpert vor Aufregung über die eigenen Füße. Eine Zeit lang sehen wir ihnen noch nach, genießen die Freudenschreie von Schwalben in der Höhe oder das stumme Glück eines Rotkehlchens. Die meisten von ihnen werden wir nicht mehr wiedersehen und das ist gut so. Andere kommen uns noch immer in der Station besuchen, um sich die ein oder andere Leckerei abzuholen."

   

 

 

 

 

Mehrere Enten dürfen in die freie Wildbahn   Eine Rabenkrähe darf endlich frei sein. Nach seiner Auswilderung wird der junge
Mauersegler den größten Teil seines Lebens
in der Luft verbringen. Mauersegler sind besonders empfindlich in der Aufzucht.
 Alles Gute, kleiner Eichelhäher! Eine Zeit lang
wird er noch um die Station turnen und Futter abstauben, bevor er immer selbstständiger wird.
 Eine Graugans mausert sich vom kleinen Küken zum adulten Vogel. Entlang der Sieg findet sie alles, was sie für die Zukunft braucht.

 

Auch ein Teil unserer Arbeit: Die Umweltbildung

"Im Gemeinschaftsraum der Seniorenresidenz erwartete man uns, aber vor allem die Tiere, bereits sehnsüchtig. Es ging ein Raunen durch die Reihen als die großen Bernsteinaugen des Uhu bemerkt wurden, die auch uns nach all den Jahren noch faszinieren. Gelächter an den Tischen, an denen das schwarze Sermana-Hähnchen spazierte und stolz krähte. Ich stellte reihum die Taube Nino vor und entgegen aller Vorurteile bei Tauben, traf ich nur auf offene Ohren. Wer Angst vor dem großen Uhu hatte, konnte Nino streicheln. Auch die Pfleger sind ganz neugierig und werden lauter Fragen los. Nie mehr werde ich das Lächeln und die leuchtenden Augen von Jung und Alt vergessen, die eine einzige kleine Vogelseele hervorrufen kann."

EIn Infostand am Tag der offenen Tür im Troisdorfer Tierheim.                                              
Gemeinsame Auswilderung von jungen Mauerseglern mit den Senioren aus dem Wohnpark Merten.Vögel zum Anfassen: Die zahme Taube Nino führt vor allem bei den unvoreingenommen Kindern zu
Neugier und Faszination.
Ein Besuch in der Wildvogelhilfe. Hier können die jungen Schülerinnen und Schüler vieles über Wildvögel lernen.

 

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Schon vor dem Aufstehen fällt es mir wieder ein: heute habe ich Tierarzttermin. Am liebsten würde ich mich im Bett verkriechen und abwarten, dass der Tag ohne mich vorbei geht. Es hilft aber alles nichts, wir haben einige schwerverletzte und kranke Vogelpatienten in der Station, die heute der Tierärztin vorgestellt werden müssen.

Ich kenne mich gut genug aus mit den Vögeln, um zu wissen, dass ich nicht alle Vögel wieder heimbringen kann.

Da wäre das Amselkind, das so schwer von einer Katze verletzt wurde, dass der Flügel amputiert werden müsste. Und dann? Wer hätte Platz für so ein Krüppelchen? Das runde Vögelchen ist so tapfer und freut sich über sein Insektenfrühstück. Begeistert bettelt es mich an und ich gebe ihm seine letzte Malzeit.

Der junge Buntspecht von gestern Abend muss auch mit. Eine Fensterscheibe hatte seinem rasanten Flug abrupt ein jähes Ende bereitet. Der Unterschnabel ist der Länge nach durchgebrochen. Selbst wenn das zusammenwachsen würde, er könnte nie mehr trommeln oder im Holz nach Insekten hacken. Der Schnabel wäre nicht mehr belastbar. Das ist kein Leben für einen Specht!

Ein junges Spätzchen packe ich in die Transportbox. Vermutlich eine Viruserkrankung, sie bewirkt, dass das Vögelchen den Kopf nicht mehr gerade halten kann und ihn schlimm verdreht. Alle verordneten Medikamente und Therapien haben nicht geholfen. Seit einigen Tagen bekommen wir kaum noch Futter in es rein.

Das Krähenkind, die immer so lieb schaut und freundlich um Futter bettelt, kommt irgendwie nicht auf die Beine. Ihre gleichaltrigen Kameraden laufen schon umher und machen tüchtig Flugübungen. Irgendwas stimmt da nicht. Eine Rachitis kann ich nicht feststellen, das Problem muss woanders liegen.

Die Ringeltaube von gestern liegt fast nur. Beide Augen sind dick zugeschwollen. Ich traue mich da nicht mehr selber ran, die getrockneten Sekrete abzumachen. Augen sind heikel und da kann man schnell was falsch machen. Vermutlich benötigt sie zudem eine Reihe von Medikamenten.

Mit einem Kloss im Hals fahre ich los. Eine halbe Stunde brauche ich bis zur Praxis. Dort komme ich verhältnismäßig schnell dran.

Mittlerweile lässt die Amsel ihren Bettelruf wieder erklingen. Ich wünschte, sie würde stiller und nicht so voller Leben sein.

Doch es hilft nichts. Die erste Spritze schickt das Vögelchen in einen tiefen Schlaf, die folgende bereitet seinem jungen Leben ein Ende.

So ergeht es auch dem armen Specht, der leider keine Überlebenschance hat. Fensterscheiben sind für Vögel eine Katastrophe.

Ich halte mich tapfer und professionell. Schaue aus dem Fenster, wenn der Kloss im Hals zu dick wird.

Die Taube bekommt vorsichtig die Augen gewaschen. Sie ist sehr mager und schwach, hoffentlich schafft sie es. Ich bekomme Augensalbe und Antibiotika für sie mit.

Jetzt noch das Krähenkind. Die Tierärztin kann auch nichts Auffälliges ertasten. Also wird der Vogel unter den Röntgenschirm gelegt. Was wir dann sehen, verschlägt uns die Sprache: der Vogel hat keinen Oberschenkelknochen angelegt. Er wird niemals stehen oder gar laufen können. Da hat die Natur einen Fehler gemacht. Oder sind die vielen Umweltgifte daran schuld? Wer weiß. Das Krähenkind folgt den anderen beiden in den Vogelhimmel.

Bloß raus hier! Ich packe schnell die Taube und meine leeren Transportboxen zusammen, bezahle und mache mich auf die Heimfahrt.

Endlich bin ich auf der Landstraße, nun lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Diese wundervollen, einzigartigen Geschöpfe hatten keine Chance. Von vier Vögeln bringe ich nur einen wieder mit heim. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, denke ich.